Amos Oz: Eine Geschichte von Liebe und Finsternis

Ist das ein Buch über eine Kindheit, über das Erwachsenwerden, und was sich damit im Leben verändert und welcher Kern gleich bleibt? Oder eines über die Entstehung des Staates Israels? Eines über die Folgen des Holocausts, die bis in das Leben von Farnia reichen, die selbst darunter eigentlich nicht gelitten hat, über die Verbindung des jüdischen Volkes untereinander, aller Menschen? Ist es eine Familiengeschichte? Ein Buch über die Reifung eines großen Schriftstellers?

Viele epische Themen werden in diesem epischen Roman von mehr als 800 Seiten behandelt, und das gelingt dem Autor vor allem deshalb, weil er eine Art Erzähllasso besitzt: Er erzählt aus einer bisher von mir nirgendwo sonst entdeckten Mischung aus Unaufgeregtheit und Weiterlesebedürfnis.

Ein Versuch, diese einmalige Mischung besser zu erfassen: Oz benutzt kaum Cliffhanger, es gibt im Buch auch keinen richtigen Spannungsbogen. Er erzählt, ohne eine Dramaturgie zu bemühen. Das schafft eine im Großen eine gewisse Unaufgeregtheit. Und das Weiterlesebedürfnis? Kommt von einer derart anschaulichen Erzählweise, dass man einfach gleich an Bord ist und nicht mehr aussteigen möchte. Das besondere ist hier wohl auch die Dosierung: Mal werden Dinge – das Büro von Ben Gurion – sehr ausführlich beschrieben, mal werden Dinge nur so kurz beschrieben, wie es nötig ist. So entsteht von jeder Szene ein genau so detailliertes Bild im Kopf, wie es nötig und fruchtbar ist, nicht mehr und nicht weniger.

So entsteht ein Sog des Erzählens, ohne dass dafür ein Plot-Mittelpunkt vorhanden sein muss, der diesen Sog auslöst.

Und dann hat Amos Oz noch eine andere Gabe: er streut immer mal wieder universelle Weisheiten und Wahrheiten und neue Perspektiven aus Altbekanntes ein, allerdings so unaufdringlich und beiläufig, dass man ihre Bedeutung sozusagen en passant erfasst.

Alles zusammen ergibt ein Buch, das ein Kaleidoskop an kleinen Geschichten und Anekdoten und großen historischen Entwicklungen locker und gleichzeitig durch die besondere Erzählweise eng miteinander verknüpft.

Ein intellektuelles Wimmelbuch für Erwachsene.